Menschen mit Behinderung im Arbeitsleben

Die Initiative Nachrichtenaufklärung e. V. präsentiert jedes Jahr Themen von wichtiger gesellschaftlicher Bedeutung, die aber gemessen an ihrer Wichtigkeit nur selten in den Medien auftauchen. Auf den 1. Platz der "Vergessenen Nachrichten des Jahres 2018" wählte die Jury das Thema "Inklusion in der Arbeitswelt".

Ein Grund mehr, die Situation von Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt genauer zu betrachten.

Vorab eine wichtige Anmerkung:

Wenn wir von und über Menschen mit Behinderung sprechen, sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass "Menschen mit Behinderung" keine einheitliche Gruppe sind. Sie vereint lediglich eine einzige Eigenschaft: Eine anerkannte Behinderung.

Darüber hinaus haben sie unterschiedliche Wünsche, Erwartungen und Vorstellungen, wie sie ihr Leben führen möchten - nicht zuletzt ihr Berufsleben. Menschen mit Behinderung verfügen über unterschiedliche individuelle Fähigkeiten und Veranlagerungen, die, wie bei jedem anderen Menschen, Auswirkungen auf das Berufsleben haben (können).

Wie alle anderen Menschen auf dem Arbeitsmarkt verfügen sie über unterschiedliche Schul- und Berufsabschlüsse. Manche besitzen umfangreiche Berufserfahrung, andere hingegen sind Berufseinsteiger/innen.

Wichtig ist hingegen: Eine anerkannte Behinderung sagt noch nichts über die berufliche Leistungsfähigkeit eines Menschen aus. Ein GdB von 50 bedeutet nicht, dass ein Mensch nur noch halb so leistungsfähig ist, ein Grad der Behinderung von 100 spricht nicht für eine Erwerbsunfähigkeit!

Mit welchen Aussagen lässt sich also die Realität passend beschreiben? Lassen Sie uns dazu zuerst einen Blick auf die Gesamtzahl der Menschen mit Behinderung in Deutschland werfen:

Der Mikrozensus 2013 ergab, dass 10,2 Mio. Menschen mit Behinderung in Deutschland lebten. Im Durchschnitt war das jeder achte Einwohner bzw. jede achte Einwohnerin. Fast drei Viertel der Menschen mit Behinderung waren 55 Jahre oder älter. Dies unterstreicht auch, dass nur die wenigsten Behinderungen angeboren sind, sondern im Regelfall (ca. 95%) erst im Laufe des Lebens entstehen.


Schul- und Berufsausbildung

Grundlegend für die berufliche Teilhabe ist in der Regel ein schulischer Bildungsabschluss.
Menschen mit Behinderung hatten zum Zeitpunkt der statistischen Erhebung meist einen Hauptschulabschluss (56,1%). Mehr als doppelt so häufig wie nicht-behinderte Menschen verließen sie die Schule jedoch ohne allgemeinen Abschluss (6,5% zu 3%). Nur jeder zehnte Mensch mit Behinderung hatte die Allgemeine Hochschulreife (Abitur) erlangt, während jeder fünfte Mensch ohne Behinderung diesen Abschluss erreichen konnte.

Wenn man nun die Altersgruppe der Menschen zwischen 30 und 45 Jahren betrachtet, in der die berufliche Ausbildung in der Regel abgeschlossen ist, fällt Folgendes auf:

Nahezu jeder dritte behinderte Mensch hatte keinen Berufsabschluss, wohingegen nur etwa jeder achte Mensch ohne Behinderung über keine Berufsausbildung verfügte. Jeder fünfte Mensch ohne Behinderung verfügte über einen (Fach-)Hochschulabschluss, unter den Menschen mit Behinderung traf dies nur auf jeden Zehnten zu.


Erwerbsquote

In der Altersgruppe der Menschen im Alter zwischen 15 und 65 Jahren waren mehr als die Hälfte  (53,6%) der Menschen mit Behinderung erwerbstätig. Im Vergleich dazu waren mehr als drei Viertel (80%) der Menschen ohne Behinderung aktiv im Berufsleben.

Wie lässt sich dieser Unterschied erklären? Die Spanne zwischen Menschen mit Behinderung und solchen ohne in der Altersgruppe der 60- bis 65-jährigen (33,7% zu 59,1%) ist zum Teil durch die Möglichkeit der vorzeitigen Altersrente für schwerbehinderte Menschen erklärbar.

Doch auch in anderen Altersstufen besteht ein großer Unterschied in der Beschäftigungsquote. Während bei den 45- bis 55-jährigen Menschen ohne Behinderung mehr als neun von zehn Personen (91,8%) im Erwerbsleben standen, waren es unter den Menschen mit Behinderung nur etwa zwei von drei (63%).


Wo und wie arbeiten Menschen mit Behinderung?

Berufstätige Menschen mit Behinderung waren in etwa gleich häufig wie Menschen ohne Behinderung verbeamtet oder angestellt. Im Unterschied dazu waren sie häufiger als Arbeiterin oder Arbeiter beschäftigt. Menschen ohne Behinderung sind öfter selbstständig und viermal häufiger in einer Ausbildung als Menschen ohne Behinderung.

Menschen mit Behinderung arbeiten häufiger im Bereich der Dienstleistungen sowie in der öffentlichen Verwaltung als dies bei Menschen ohne Behinderung der Fall ist (40,6% zu 30,5%).


Arbeitssuchende Menschen mit Behinderung

Der Statistik der Bundesagentur für Arbeit liefert folgende Informationen:
  • Die Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderung ist deutlich weniger stark abhängig von konjunkturellen Einflüssen als bei nicht-behinderten Menschen. Menschen mit Behinderung haben seit 2010 weniger deutlich von der positiven Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt profitiert. Umgekehrt sind berufstätige Menschen mit Behinderung in der Zeit der Wirtschaftskrise 2009 auch seltener arbeitslos geworden, nicht zuletzt aufgrund des rechtlichen Schutzes (z. B. bei der Sozialauswahl sowie dem besonderen Kündigungsschutz).

  • Die Statistik zeigt jedoch auch, dass Menschen mit Behinderung durchschnittlich 16 Wochen länger arbeitssuchend sind.

  • Arbeitssuchende Menschen mit Behinderung sind bei Bezug von Arbeitslosengeld 1 im Schnitt ähnlich gut qualifiziert wie Arbeitssuchende ohne Behinderung. Beziehen sie Arbeitslosengeld 2 ("Hartz IV"), also beispielsweise bei Langzeitarbeitslosigkeit, verfügen sie sogar häufiger über einen Berufsabschluss als Menschen ohne Behinderung (49% zu 40%).

Fazit

Menschen mit Behinderung stehen auf dem Arbeitsmarkt vor besonderen Herausforderungen, die sie nur in einem gewissen Maß durch Schul- und Berufsausbildung selbst beeinflussen können. Über die Gründe für Schwierigkeiten bei der Suche nach einem Ausbildungs- oder Arbeitsplatz kann nur spekuliert werden.

Ünterstützen können hierbei die Leistungen der Rehabilitationsträger sowie der Inklusionsämter, durch die eine Beschäftigung von Menschen mit Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt ermöglicht und gefördert werden kann.

Die verschiedenen Möglichkeiten werden in der Publikation "Leistungen im Überblick: Behinderte Menschen im Beruf" vorgestellt, die von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen (BIH) herausgegeben wurde.

Das im Jahr 2018 bundesweit eingeführte "Budget für Arbeit" unterstützt den Wechsel von Menschen, die in einer Werkstatt für behinderte Menschen arbeiten oder die Voraussetzungen erfüllen, um dort beschäftigt zu sein.

Die örtliche Fachstelle für Menschen mit Behinderung im Beruf steht Ihnen bei Fragen und Anregungen gerne zur Verfügung.