STEINREICH

WENIGE QUADRATMETER UND VIELE JAHRHUNDERTE GESCHICHTE –JAHRHUNDERTEALTE ZEUGNISSE PERFEKT ERHALTEN

"Die Archäologie kann man sich wie ein großes Puzzle vorstellen", erläutert Dr. Bettina Heine-Hippler von der LWL-Denkmalpflege. "Nur fehlen die Bildvorlage und meistens mehr als 99 Prozent aller Puzzleteilchen." Was nach der berühmten Nadel im Heuhaufen klingt, macht die hohen Anforderungen an den Archäologen deutlich, der neben viel Erfahrung und sorgfältiger Arbeit ein genaues Wissen darüber benötigt, wie sich von den wenigen geborgenen Teilen auf den Gesamtzusammenhang schließen lässt. Da bei Klostergrabungen zudem weniger Funde entdeckt werden als in einer immer wieder neu bebauten Stadt, ist die genaue Lage der einzelnen Fundstücke für die Zusammenhänge von umso größerer Bedeutung.
Die neuen Funde an den verschiedenen Stellen des nur ca. 200 Quadratmeter großen Gartenbereichs hinter dem Ostflügel führen entsprechend in mehrere Epochen der besonderen (Bau-)Geschichte des Klosters Wedinghausen. Insgesamt sind die Archäologen mit den seit gut einem Jahr laufenden Grabungen nun bis ins Mittelalter vorgedrungen. Das bedeutet: bis in die Gründungsphase des Klosters im Jahr 1173 – vor über 800 Jahren. "Hier sehen wir die 1 Meter breite Treppe zur Heizungsanlage und ihren Vorraum", erzählt Archäologe Dr. Ulrich Holtfester und zeigt an der Stelle, an der drin im Kapitelsaal die Heißluftheizung gefunden wurde, auf feinsäuberlich freigelegte Stufen und Teile eines Mauerwerks. Das Verblüffende ist: Trotz massiver neuzeitlicher Eingriffe in den Boden sind selbst die untersten Lagen der Grundmauern dieses Raums erhalten geblieben und die sechs Stufen sehen aus, als seien sie eben erst verlegt worden. "Das liegt daran, dass sie von der darüber liegenden Lehmschicht sehr gut konserviert wurden", so der Fachmann. "Und das, obwohl sie von der nördlichen Außenmauer eines Anbaus überbaut wurden, den man Ende des 17. Jahrhunderts an den Ostflügel gesetzt hat."

ÜBERRASCHUNGEN AUF SCHRITT UND TRITT

Je mehr man hier Stück für Stück abträgt, umso detaillierter breitet sich die Historie vor einem aus. Und vor allem umso verzweigter, wie der Außenbereich aktuell zeigt. Die gesamte Fläche wurde untersucht und ergraben. Kein Stein blieb mehr auf dem anderen, überall liegen Bretter als Brücken, um die Fund-stellen darunter zu schützen, und sind Fäden gespannt zur Vermessung. Das erstaunliche Ergebnis ist: "Uns war anfangs überhaupt nicht klar, dass so viel in diesem Boden stecken würde und vieles noch so gut erhalten ist", erzählt Dr. Ulrich Holtfester begeistert, der die Ausgrabungen von Beginn an leitet. Dazu gehören die Vielzahl der freigelegten Steinkanäle, die der Wasserableitung dienten, die mal breiter, mal schmaler sind, mal tiefer, mal höher verlaufen und aus dem Mittelalter, aber auch dem Barock stammen; außerdem die Reste einer Pflasterung, die mit Datierung im 19. Jahrhundert vergleichsweise jung ist. Die besondere Sensation im nördlichen Abschnitt dieses Gartens ist ein von Nord nach Süd verlaufendes Bruchsteinfundament, das sich südlich des Chors über 5,20 Meter entlang der Böschungskante eines nach Osten abfallenden Felsens erstreckt. Dass dieses unscheinbar aussehende Fundament im Norden von dem der südlichen Außenmauer des Chors abgeschnitten wird, bedeutet nun, dass es bereits vor dem 1254 geweihten Chor errichtet worden sein muss. "Über die Funktion dieses Gebäudeteils können wir im Moment zwar nur spekulieren", sagt Holtfester, "feststeht aber, dass es somit auf den Ursprung, also die Gründungsphase des Klosters um 1170, zurückgeht und womöglich Bestandteil der Klausurgebäude war."

MÜNZEN, KERAMIKEN, KNOCHEN UND GESCHLIFFENE ZÄHNE

Hautnah steht man hier aber nicht nur den baulichen Überresten des Klosters gegenüber, sondern auch den menschlichen. Denn im selben Bereich wurde eine in den anstehenden Felsen eingetiefte Grube erfasst, die mit Lehm und Kalksteinen samt Mörtelresten verfüllt war. Darin fanden sich zahlreiche menschliche Knochenreste sowie Zähne mit Abriebspuren, die wohl von kleinen Steinchen herrühren, die beim Mahlen des Korns vom Mahlstein mit abgerieben wurden. Gut möglich also, dass hier mal Gräber waren, die beim Bau des Chores zerstört wurden. Im gegenüberliegenden südöstlichen Bereich des Gartens entdeckten die Archäologen nahe des ehemaligen Hospitals einen Teil der einstigen Böschungsmauer, die vermutlich der barocken Ausbauphase des Klosters zuzuweisen ist. Die Verfüllung der zugehörigen Baugrube enthielt zahlreiche Fundstücke wie Keramik, Glas und Tierknochen sowie neben weite-ren Münzen das "Petermännchen" aus dem 17. Jahrhundert, dessen Name sich von dem darauf abgebildeten Heiligen Petrus ableitet.

DAS ENDE DER AUSGRABUNGEN IST IN SICHT, ABER DIE GESCHICHTE LEBT WEITER

Die archäologischen Grabungen stehen kurz vor dem Abschluss. Im nächsten halben Jahr werden die Ergebnisse digitalisiert und anschließend den einzel-nen Bauphasen zugeordnet. Bauforschung und Archäologie arbeiten hier eng zusammen, um die offenen Fragestellungen zu klären. Nähere Aufschlüsse werden möglicherweise auch die noch ausstehenden Radiokarbondatierungen der Knochen ergeben. Das komplexe Puzzlebild des Klosters Wedinghausen wird also weiter verdichtet und verfeinert, bis alle Funde gereinigt, katalogi-siert und bewertet sind. Es bleibt spannend – das ist gewiss.