Schichtwechsel

SPAGAT ZWISCHEN ALT UND NEU

Wie lassen sich in einen jahrhundertealten Klostertrakt zeitgemäße Wohnräume so integrieren, dass die bedeutende Geschichte erhalten und spürbar bleibt? Wie können sich die neuen Bewohnerinnen und Bewohner darin dann so einfinden und entfalten, dass sie sich wohl- und eben nicht wie in einem Museum fühlen? Und wie lassen sich die Einfachheit und Anspruchslosigkeit, die diese jungen Menschen kultivieren, ästhe- tisch erfassen und stimmig in die neue Architektur der Räumlichkeiten einbinden?

Fragen wie diese machen die Bauaufgabe so spannend und herausfordernd. Das Team um Dirk Boländer und Gido Hülsmann vom Büro soan ar- chitekten mit Büros in Bochum und Darmstadt hat sie überzeugend beantwortet und den Wettbewerb im Herbst 2016 gewonnen. Die Lösung: „Unser Entwurf verfolgt die Intention, dass die besondere Qualität der historischen Bausubstanz erlebbar bleibt und gleichzeitig in einen Dialog mit den modernen Elementen tritt“, erläutern die Architekten. „Und zwar so, dass sich die Atmosphäre eines Klostergebäudes in der neuen Ge- staltung wiederfindet.“ Beabsichtigt ist, dass die zum Einsatz kommenden Materialien auf nur wenige reduziert werden, diese aber hochwertig, natürlich und langlebig sind und unbehandelt verarbeitet werden. So werden die Wände etwa mit Lehmputzen in warmem Weißton ausgekleidet. Sie verleihen dem Wohnumfeld ein hervorragendes Raumklima und sind von zugleich puristischer und edler Anmutung. Ein Teil der authenti- schen Dielen wird wiederverwendet und historische Elemente wie Wandfresken bleiben sichtbar erhalten. Neue Holzbauteile wie Türen und die Sitzstufe im Begegnungsbereich werden in geölter Eiche und der Boden in Douglasie ausgeführt – all diese Details der Ausstattung werden in enger Abstimmung mit der Shalom-Gemeinschaft geplant und gestaltet.

Großes Augenmerk gilt auch der Lichtführung: Sie verbindet Zurückhaltung mit einer Wirkung von Stille, Lichte und Weite und fängt etwa das einfallende Tageslicht durch Holzlamellen sanft ab. Sie geben dem Raum Struktur und unterstützen ein Gefühl von Harmonie, das die Propor- tionen zusammen mit den ausgesuchten Materialien und dem angenehmen Licht erzeugen. Überhaupt ist Ausgewogenheit ein Begriff, der Dirk Boländer wichtig ist und das architektonische Konzept auf den Punkt bringt. Schließlich gilt es im Kloster Wedinghausen, die bedeutende Ge- schichte dieses Ortes so mit unserer heutigen Auffassung von moderner Architektur und den Vorstellungen der künftigen Nutzer zu verknüpfen, dass das Ergebnis beiden gerecht wird: dass der Historie Respekt gezollt wird, sie aber nicht museal überhöht wird; dass der Glaube die ihm gebührende Achtung erfährt, er sich aber auch öffnet – gerade der lebendigen jungen Shalom-Gemeinschaft gegenüber; dass also, wie der Architekt so schön und treffend sagt, „Geschichte mitschwingen darf“, wenn hier nach mehr als 200 Jahren wieder Menschen leben und ihren persönlichen Ausdruck des Glaubens im 21. Jahrhundert finden werden.

All das wird der Ostflügel mit seinen neuen Klosterräumen und dem für die Kirchengemeinde St. Laurentius umgestalteten Kapitelsaal im Erdge - schoss widerspiegeln, wenn Mitte 2019 der Schichtwechsel ansteht und ein weiteres der so vielen Kapitel dieser Klostergeschichte aufgeschlagen wird. Was für eine Aufgabe – und was für Möglichkeiten, für den Ort, den Glauben, uns Menschen.

KNAPP 1.000 JAHRE GESCHICHTE TREFFEN AUF LEBENDIGEN GLAUBEN

Das Besondere an der Baustelle des Klosters Wedinghausen ist, salopp gesagt: Routine is nich. Kaum ein Tag gleicht dem vorigen und keiner ist sicher vor dem nächsten sensationellen Fund. „Wir haben es hier immerhin mit rund 800 Jahren Geschichte zu tun“, erzählt Dirk Boländer. „Innerhalb dieser Zeit wurden die einzelnen Gebäude immer wieder erweitert oder verändert, sodass es kein Wunder ist, dass wir bei den aktu- ellen Baumaßnahmen auf Entdeckungen wie die mittelalterliche Heizungsanlage oder eine Grabanlage stoßen, von denen keiner etwas wusste.“ Auch er – ausgewiesener Experte in Sachen Kirchenbau wie Bauen im Bestand – ist deshalb immer wieder fasziniert von den Rätseln, die die Klosterbaustelle aufgibt. Und von den Schätzen, die sie freigibt, wenn hier Schicht um Schicht abgetragen wird. Denn das geschieht zurzeit mit dem Ostflügel, der für die nächsten Jahrzehnte statisch gesichert und insbesondere für die brasilianische Shalom-Gemeinschaft umgebaut wird. Ihre Missionarinnen und Missionare werden – wenn alles gut geht – im Sommer 2019 in die neu entworfenen Wohn- und Schlafräume samt Hauskapelle im 1. Stock einziehen. Falls also alles läuft, wie geplant. Das muss man immer dazusagen, eben weil sich durchdachte Pläne hier nicht stringent durchzuziehen lassen.

„Das ist wirklich aufregend“, findet auch Gido Hülsmann, der Kompagnon Dirk Boländers, die selten ein derart komplexes Projekt betreut haben. Es geht auch deswegen um mehr als einen üblichen Umbau eines historischen Gemäuers, weil hier später junge Menschen wohnen und leben werden – und weil die Shalom-Gemeinschaft zudem keine klassische Ordensgemeinschaft ist, deren Mitglieder ihrem Glauben zurückgezogen hinter Klostermauern nachgehen. Im Gegenteil, die jungen Geistlichen gehen gezielt nach draußen. Sie suchen den Kontakt zu Menschen, vor allem jungen, und vermitteln die Frohe Botschaft Jesu und den Frieden, den sie in ihrem hebräischen Namen tragen, auf lebensnahe kraftvolle Art und Weise.