GRABMALER

DIE KLOSTERBAUSTELLE GIBT EINEN WEITEREN SCHATZ PREIS: DAS GRAFENGRAB MIT EINZIGARTIGEN WANDMALEREIEN

Das Kloster Wedinghausen bietet Kirchengeschichte zum Anfassen. Und das nicht nur im wörtlichen Sinne für die Handwerker, die den Ostflügel seit zwei Jahren behutsam restaurieren und umbauen, damit die Shalom-Gemeinschaft hier einziehen kann, sondern auch für Archäologen, die Wissenschaft und natürlich für uns als breite Öffentlichkeit. Denn was im Rahmen der Baumaßnahmen alle paar Wochen an neuen Funden und historischen Sensationen zutage gefördert wird, hat großes Potenzial, die bisherige Geschichte und ganze Bücher neu zu schreiben. Mehr noch: Die Funde öffnen uns die Augen für die Lebendigkeit und Vielfalt des christlichen Glaubens und die Zusammenhänge mit den Menschen der verschiedenen Epochen vor Ort.

DIE GOTISCHE KUNST FLANDERNS MITTEN IM SAUERLAND

Das jüngste Beispiel ist die Entdeckung des Grafengrabs mitten im einstigen Kapitelsaal. „Dass wir früher oder später auf dieses Grabmal stoßen würden, war uns zwar klar“, erzählt der vor Ort verantwortliche Archäologe Wolfram Essling-Wintzer vom Fachreferat Mittelalter und Neuzeit des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe in Münster. Denn die historischen Archivalien belegen dessen Existenz. „Dass wir aber eine derart aufwendig bemalte Grabkammer vorfinden würden – das ist die eigentliche Sensation“, so der Experte. Der neue Klosterfund ist eben nicht nur mit Ornamenten und gotischen Rankenmalereien verziert, wie man erwartet hatte, sondern auch mit figürlichen Wandmalereien in verschiedenen Farben.
Auf der Stirnseite am Fußende des Grabs ist eine Kreuzigungsszene zu sehen, die sich an flandrische Vorbilder aus der Zeit um 1300 anlehnt. So kennt man sie bisher etwa aus der Kirche Notre Dame in Brügge oder dem Dom in Lübeck. „In Westfalen ist eine solche Darstellung allerdings bisher einzigartig“, führt Dr. Dirk Strohmann von der LWL-Denkmalpflege aus und präzisiert: „zumindest in einer Grabkammer.“ Bei der jetzt gefundenen Darstellung handelt es sich um eine Kreuzigungsgruppe mit Maria und Johannes unter dem Kreuz. Auch die Längsseiten waren mit Ranken und figürlichen Darstellungen verziert – ihre Deutung ist wegen der fragmentarischen Überlieferung jedoch schwierig.

WIE DAS GRAFENGESCHLECHT SEIN ANSEHEN STEIGERTE

Spannend ist die Entstehungsgeschichte der Grabanlage, die die Gebeine des Klostergründers Heinrich I. (1128–1200), die seines Sohns Heinrich II. und dessen Gemahlin Ermengardis laut einer archivalischen Überlieferung beherbergen soll. Die mitten im Kapitelsaal platzierte Bestattung des Klostergründers und seiner Nachfahren sollte die Memoria durch die Mitglieder des Konvents sicherstellen. Deren Fürbitten versprachen Rettung des Seelenheils am Tage des Jüngsten Gerichts. Seine Nachfahren traten durch reiche Schenkungen an den Konvent in seine Fußstapfen und trugen somit zur Etablierung eines „Hausklosters“ bei, dessen Priestermönche dem Totengedenken der gräflichen Familie verpflichtet waren.
Eine erste Aufwertung erfuhr die Grablege, die zunächst vermutlich nur als einfache ausgemauerte Gruft ausgeführt war, durch den Anbau der Grafenkapelle an den Kapitelsaal im Jahr 1275. In den 1320er Jahren erfolgte dann eine Umgestaltung als prächtiges Hochgrab. Etwa zeitgleich entstand auch die jetzt gefundene Ausmalung der Grabkammer nach flandrischem Vorbild. Die Wände der ca. 80 cm breiten, 210 cm langen und 60 cm hohen gemauerten Kammer wurden mit meisterlich ausgearbeiteten Wandmalereien geschmückt, der Sarkophag mit den Gebeinen darin eingelassen und durch eine Tumba überhöht.So wurde die Grabstätte über Jahrhunderte hinweg geehrt, bis sie im Zuge der Säkularisierung 1804 geöffnet und Sarkophag und Schädel entnommen wurden. Heute befinden sich die damals entnommenen Gebeine im Hochgrab in der Propsteikirche. „Die noch vorhandenen Überreste mit hunderten Wandputzfragmenten und Kleinknochen sind jetzt weitgehend freigelegt und gesichert“, so Wolfram Essling-Wintzer. Sie können von Kunsthistorikern nun genauer unter die Lupe genommen und die Knochen einer DNA-Analyse unterzogen werden.

MÖGLICHE ZUKUNFT NACH DORNRÖSCHENSCHLAF

„Erst mal war uns wichtig, die Befundlage genau zu kennen, zu sichern und zu dokumentieren. Möglich wurde dies u. a. durch eine finanzielle Unterstützung der treuhänderischen Emil und Hanna Flatz-Stiftung in der Deutschen Stiftung Denkmalschutz“, erläutert Dr. Bettina Heine-Hippler von der LWL-Denkmalpflege die aktuellen Maßnahmen. „Wie sie für die Nachwelt anschaulich gemacht wird, ist im Moment noch offen.“ Expertengespräche sollen folgen, um zu klären, wie der Erhalt auf Dauer gesichert und möglicherweise zugänglich gemacht werden kann. Dass dies möglich ist, zeigt der Umgang mit den ausgemalten Grabkammern der Kirche Notre Dame in Brügge, wo sie mit einer Glasplatte abgedeckt wurden. Auch wenn die Ausgangslage auf den ersten Blick vergleichbar erscheint, muss man einwenden, dass sich die künftige Nutzung der beiden Räume völlig unterscheiden wird. Ziel soll es sein, einen Weg zu finden, der es Besuchern auch in Zukunft ermöglicht, diese einzigartige Grabanlage zu erleben.