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WO SONST DIE GLOCKEN HÄNGEN – UND SEIT JAHRZEHNTEN KEIN MENSCH MEHR WAR

Es ist stiller geworden um die Propsteikirche St. Laurentius. Der Grund: Ende August sind die Glocken im Vierungsturm stillgelegt und demontiert worden. Denn der gesamte Turm, der immerhin von 1625 stammt, ist morsch und gerät beim Läuten buchstäblich in Schwingung. „Das war brandgefährlich und wirklich kurz vor knapp“, so die Denkmalpflegerin Frau Dr. Bettina Heine-Hippler vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Sie war gerade im Gewölbe des Chordachstuhls unterwegs, als sie den Fuß eines der Dachdecker von außen durch die Dachplatten ragen sah. „Ich habe sofort Alarm geschlagen und alle vom Dach holen lassen“, erzählt sie, noch immer bewegt von diesem Erlebnis.

Seither wird minutiös – und von Grund auf – an der fachgerechten Rekonstruktion des Glockenstuhls gearbeitet. Nach vorhergehender Ursachenforschung sind die entsprechenden Lösungen ermittelt, wie der Restaurator im Zimmerhandwerk und Chef der Zimmerleute vor Ort, Franz-Josef Huckenbeck, erklärt. „Erst wenn wir wissen, wie es zu diesen Schäden gekommen ist, wissen wir, wie wir sie beheben.“ In diesem Fall war es eine Mischung: aus offenen Verbindungen der letzten Reparatur von 1987, aus holzzerstörenden Pilzen und Insekten, nämlich dem gescheckten Nagekäfer, sowie aus einer Menge Wassertaschen. Also Wasser, das in die Konstruktion gelaufen ist, sich aufgrund der gewissenhaften Abdichtung mit Bleiabdeckungen gehalten hat und so den perfekten Nährboden für zu viel Feuchtigkeit, für Fäulnisstellen und damit für all das Getier bilden konnte. Tauben- und Dohlendreck tun ihr Übriges: Das Holz leidet und zersetzt sich schleichend, Verschraubungen lösen sich und die Bewegung der Glocken bringen die Stabilität schließlich vollends ins Wanken.
Stabilität ist aber auch gefragt, um den Schaden überhaupt in Augenschein nehmen zu können. Denn der Vierungsturm, der sich über dem Chor der Kirche befindet und den Glockenstuhl umgibt, liegt in 35 Metern Höhe. Alleine um das Gerüst bis dorthin errichten zu können, ist Schwindelfreiheit unbedingte Voraussetzung. Denn nach oben hin wird es immer zugiger und mehr noch: die Treppen werden irgendwann von fast senkrecht stehenden schmalen Leitern abgelöst. Ganz zu schweigen vom Gedanken daran, wie sich all das Material und die Gerätschaften nach oben und wieder nach unten befördern lassen. Der Ausblick allerdings, den man von oben auf die Stadt und bis weit ins waldige Sauerland mit seinen sanften Hügeln hat, ist dann ein echtes Highlight und entschädigt für die Angstschweißperlen während dieses einmaligen Aufstiegs.

KIRCHENBAU UND HIGHTECH

Das Interessante ist: Wir leben heute im Zeitalter von Hightech und einer Vielzahl smarter innovativer Materialien. Keines von ihnen aber kommt an die Qualität der traditionellen Baustoffe heran, wie sie nun für die Restaurierung – und damit für weitere Jahrzehnte bis Jahrhunderte – einer solchen Konstruktion nötig sind. „Es ist sogar so“, erläutert Franz-Josef Huckenbeck, „dass die aktuellen Schäden durch die letzte Reparatur von vor 30 Jahren überhaupt erst entstehen konnten.“ Natürlich wurde damals nach bestem Wissen und Gewissen ausgebessert, aber man wusste zum Beispiel noch nicht, dass die Verwendung von relativ feuchtem Holz gerade verkehrt war oder dass neue Stoffe wie Holzersatzmasse, Acryl und Silikone oder Lochbleche keinen dauerhaften Halt unter so herausfordernden Bedingungen wie Wind und Wetter gewährleisten.

„Wir müssen so bauen, dass die Feuchtigkeit nicht zu hoch wird und Schädlinge gar nicht erst einziehen können“, so der Fachmann. „Das heißt, konstruktiver Holzschutz und die Verwendung von Holz in sogenannter Gleichgewichtsfeuchte sind der wichtigste Schutz, den wir haben. Natürlich ist Feuchtigkeit immer da, aber sie muss abtropfen können, wenn es regnet, und darf sich nicht in irgendwelchen Taschen fangen.“

Eine Restauration in diesem Sinne vom gesamten Glockenstuhl geschieht nun, und zwar gründlich von oben nach unten. Zunächst wurden das Kreuz und die goldene Kugel – beide bekommen einen neuen Goldputz – und dann die Eindeckung abgenommen sowie die Schalung elementweise überprüft, bevor sie von innen so ausgesteift und mit entsprechenden Reparaturverbindungen erneuert wurde, dass die Konstruktion nicht mehr wie bisher im Verborgenen arbeiten kann. „Wir machen im Grunde nichts anderes als unsere Vorvorderen“, sagt Franz-Josef Huckenbeck voller Ehrfurcht seinem Berufsstand gegenüber und verweist auf Lehrbücher, die sich bei allem Wandel und Fortschritt seit Jahrhunderten kaum verändert haben. Dieses Wissen haben seine gute 12 Mitarbeiter selbstverständlich drauf – und sind leidenschaftlich an den verschiedenen Zimmererarbeiten im Kapitelhaus, Hospizgebäude oder an der Remise tätig, die gerade für das Jugendcafé hergerichtet wird.

Die „Rettung“ des Vierungsturms ist also nur eine von vielen aktuellen Maßnahmen des Zimmereibetriebs Huckenbeck am Kloster Wedinghausen – wenngleich eine sehr essenzielle. Immerhin gehören Turm und Glocken zu einer Kirche wie Teufel und Weihwasser.