SCHWEBEBALKEN

SchwebeBalken

IM DACHSTUHL VON ST. LAURENTIUS – DEM HIMMEL EIN STÜCK NÄHER

Das hohe Dach der Propsteikirche St. Laurentius fällt mit seinen bewegten Konturen, wie etwa den beiden Quersatteldächern direkt hinter dem Turm, schon von Weitem ins Auge. Doch richtig spannend wird es, wenn man einen Blick hinter die grauen Schieferdachplatten wirft. Dann weicht der erhabene Eindruck, den das geweihte Gemäuer auf Besucher und Gläubige macht, einem faszinierenden Wirrwarr hunderter Balken, die scheinbar kreuz und quer durch das Dach verlaufen und das verwinkelte Dachwerk stützen. Dass sie zudem die Geschichte vom Mittelalter bis heute in sich tragen, dem gehen derzeit Vermesser und Bauforscher auf den Grund; nicht Schicht für Schicht wie bei Bodenfunden, sondern eher Balken für Balken – und stoßen dabei auf so einige neue Erkenntnisse.

Wer bis hinauf ins Dach der Klosterkirche gelangt, kommt aus dem Staunen kaum mehr heraus: verwinkelte Balkenkonstruktionen so weit das Auge reicht, ein schmaler Holzsteg, der um mehrere Ecken biegt, und darunter das Gewölbe von oben, das mal mehr, mal weniger steil abfällt. Ob die Staubschichten hier aus der Gründungsphase des Klosters stammen oder von den kürzlich abgeschlossenen Sanierungs- und Sicherungsmaßnahmen im Chordachwerk, ist schwer zu sagen. Fest steht aber, dass der Bauschutt, der sich über die Jahrhunderte hinweg in den Gewölbezwickeln und auf den Schwellen angesammelt hat und jetzt entsorgt wurde, historische Unterlagen und Gegenstände zum Vorschein brachte, die erst mal gesichtet und datiert werden. Gelegentlich wurden sie damals hier oben verstaut und dann vergessen.

Vorsicht ist auch geboten, wenn man vor lauter Neugier zu viel nach links und rechts schaut und dabei die ausgekreuzten Balken von 1250 übersieht, die den Steg genau in Kopfhöhe überqueren. „Sie sind aber aus Weichholz“, scherzt Bauforscher Peter Barthold vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) und unterscheidet sie von den Balken aus härteren Eichenhölzern, die man bei der Errichtung des Dachwerks im 13. Jahrhundert verzimmerte.

Die Untersuchungen am Dachstuhl haben nicht nur spannende neue Befunde zutage gefördert, sondern auch viele Schäden. Im Zuge des 1. Bauabschnitts waren im Chor bereits umfangreiche Restaurierungsmaßnahmen nötig, die 2018 fortgesetzt werden sollen und müssen. Zur Finanzierung dieser Maßnahme hat die Kirchengemeinde einen Förderantrag u.a. bei der Deutschen Stiftung Denkmalschutz gestellt.

WISSEN, ERFAHRUNG UND MODERNSTE TECHNIK ALS SCHLÜSSEL ZUR HISTORIE

Sicher ist inzwischen, dass der älteste Dachabschnitt derjenige über dem Chor im Osten ist. Das bedeutet, dass er mit dem Weihedatum der Kirche im Jahr 1254 übereinstimmt – was übrigens nicht immer der Fall ist. Ansonsten weiß auch Peter Barthold noch nicht im Detail, wann sich hier oben was zugetragen hat, wann welcher Abschnitt dieses komplexen Daches neu hinzu kam, ausgebessert oder erweitert wurde. Grundlage für die weitere Forschung soll ein umfangreiches sogenanntes verformungsgerechtes Aufmaß der vollständigen Kirche mit ihren Dachwerken bilden, das für das Chordach bereits vorliegt und in Gänze Ende des Jahres fertig wird.

Ein solcher zeichnerischer Plan des aktuellen Bestandes wird mithilfe von Messgeräten wie Tachymeter oder 3D-Laserscanner erstellt und schlüsselt nicht nur die genaue Position, Länge oder etwa Schräge der Wände und Strecken auf, sondern ermöglicht der Bauforschung auch, Schicht um Schicht die einzelnen Bauabschnitte von heute bis zurück zum Rohbau zu erkennen und zu kartieren. „Damit kriegen wir eine Vorstellung, was hier in den einzelnen Phasen passiert ist, und können abgleichen, ob das, was wir hier oben vorfinden, mit älteren Plänen, Akten und Urkunden übereinstimmt“, so Barthold, der von abenteuerlichsten Ungereimtheiten erzählen kann, die ihm im Laufe seiner langjährigen Arbeit untergekommen sind. Und obwohl er schon vieles gesehen und erforscht hat, ist er immer wieder begeistert von den ungewöhnlich reichhaltigen Dachwerken der Klostergebäude und der Kirche St. Laurentius.

Alle paar Meter entdeckt er neue Zeichen und Spuren, die der Laie höchstens als Gekritzel wahrnehmen würde. Zum Beispiel Abbundzeichen: Das sind Markierungen, Symbole oder Zahlen auf Bauhölzern, die einst auf dem Abbundplatz vor Ort zugesägt und entsprechend gekennzeichnet wurden, um sie im Dach dann in der korrekten Reihenfolge wieder aufzurichten. Oder er findet Diamantkopfnägel, wie die dicken Holznägel aus dem Mittelalter heißen, deren Kopf kunstvoll wie ein Diamant abgeschrägt wurde.

Die Balken werden außerdem auf Beil- oder Sägespuren untersucht, die wiederum Rückschlüsse auf ihr Alter zulassen und auch darauf, ob ein Balken von Hand oder in einer Sägemühle zugeschnitten wurde.

Zur exakten Altersbestimmung nutzt man die Dendrochronologie, die heute verlässlichste Methode, um das Fälldatum von Bauhölzern zu ermitteln. Mit einem Spezialbohrer nimmt der Bauforscher „Dendros“, also Holzproben in Form eines Stifts, welcher quasi aus dem Balken freigebohrt und dann anhand der unterschiedlich breiten Jahresringe datiert wird. „Das ist schon spannend, was da rauskommen kann, besonders wenn Bauzeiten ermittelt werden, die bisher völlig unbekannt waren“, sagt Barthold, dessen Enthusiasmus den Zuhörer vom ersten Moment an in Bann zieht. Und das hat nur bedingt mit dem heiligen Ort zu tun.