Auf einer Reise durch Raum und Zeit

Visionäres Projekt Lichtturm lockt Besucher aus aller Welt nach Arnsberg

Arnsberg. „Es muss eine Fälschung sein", denken viele zunächst einmal. Denn was der Besucher im Arnberger Lichtturm erblickt, ist mehr als nur ein Bild, das auf dem Kopf steht, mehr als eine bloße Abbildung der Wirklichkeit - wenn es diese überhaupt gibt. „Er sieht die Welt aus einer anderen Perspektive und spürt sofort, wie seine Wahrnehmung neue Züge annimmt", beschreibt der Fotograf Manfred Haupthoff das, was sich in der im Turm aufgebauten begehbaren Camera Obscura abspielt.


Als Herzstück des restaurierten ehemaligen Wehrturms lockt die begehbare Kamera seit Eröffnung im August 2012  Besucher aus ganz Deutschland und sogar dem Ausland nach Arnsberg. Sie alle kommen, um etwas zu erleben, das es in dieser Form nur an wenigen anderen Orten auf der Welt gibt: „Als eine von nur 40 Kameras dieser Art überhaupt ermöglicht es unsere Camera Obscura, sich in das Innere eines Fotoapparates und damit auf eine Reise in eine neue Welt zu begeben", schwärmt Haupthoff, der das künstlerische Gesamtkonzept des Lichtturms austüftelte. Und er übertreibt nicht: Besucher der Camera Obscura werden vor eine Glasscheibe geführt, die zunächst milchig-durchsichtig erscheint. Nach einigen Sekunden beginnt sich dann vor den Blicken des faszinierten Zuschauers ein Bild auf der Scheibe zu formen, das langsam deutlicher wird. Und dann, mit einem Mal, zeichnet sich mit großer Klarheit auf der Scheibe die Stadt vor dem Turm ab - natürlich, wie das im Inneren von Kameras der Fall ist, seiten- und spiegelverkehrt.

Verblüffend ist an diesem Schauspiel nicht nur die Schärfe des Bildes, die noch die kleinsten Baumwipfel erkenntlich macht, sondern auch die Echtzeit der Darstellung: Vögel, die am Himmel fliegen, Blitze, die aus den Wolken zucken, die Sonne, die die Wolkendecke durchbricht: Alles wird - in Bewegung - auf der Scheibe vor den Augen des Besuchers abgebildet. Nur dass die Blitze eben von unten nach oben einschlagen, die Vögel in den Himmel fliegen und die Sonnenstrahlen aus dem Boden zu kommen scheinen. „Und genau das ist es, was hier jeden mitreißt", beschreibt Haupthoff die Reaktionen der vielen Besucher, die das Schauspiel bisher mit eigenen Augen verfolgen durften. „In einer Welt, die heutzutage von visuellen Reizen nur so durchflutet ist, haben wir verlernt, das Wesentliche zu erblicken. Genau hinzuschauen. Uns Zeit zu lassen."
Lichtturm
Einfach mal genauer hinschauen

Die Camera Obscura umgeht diesen Zustand und führt ihren Besucher wieder zurück in eine Epoche, in der Details bemerkt wurden, weil sie nicht augenblicklich von Neuem zugedeckt wurden. „Wer vor dieser Scheibe steht, muss sich schon allein aufgrund der gespiegelten Darstellung völlig neu orientieren", beschreibt Haupthoff.

Die Camera Obsurca ist Teil eines Gesamtkonzepts, mit dem der ehemalige alte Wehrturm der Arnsberger Stadtbefestigung - der so genannten Limpsturm -  in einen modernen Lichtturm umgestaltet wurde. Ziel des ehrgeizigen Projekts war und ist es, das Neue in unvergleichlicher Weise mit den historischen Ursprüngen des Gemäuers zu verknüpfen. In jahrelanger Arbeit entstand so die Idee, den Wachturm, der im Jahr 1293 erbaut wurde, auf eine Art instand zu setzen, die eine Brücke von modernem Erlebnischarakter zu alter gewachsener Tradition schlägt. Das ist gelungen: Auf insgesamt fünf Ebenen ist in rund vier Jahren eine Multimedia-Vision entstanden, die keinesfalls schrill und aufdringlich daherkommt, sondern den Besucher subtil und elegant in eine Welt der Klänge, Farben und Bilder entführt.

Dass das umfangreiche Gesamtkonzept, das Manfred Haupthoff ehrenamtlich unter Unterstützung der Bürgerstiftung Arnsberg, Sponsoren und zahlreichen Mitdenkern und Förderen entwickelte, nun Realität wurde, ist vor allem dem Einsatz des Arnsberger Bürgermeisters Hans-Josef Vogel zu verdanken: Im Jahr 2008 initiierte er das Projekt mit dem Ziel, das kulturelle Erbe der Stadt mit der Restaurierung und zugleich Neuwidmung des Limpsturms aufrecht zu erhalten. Das geschah, ohne die Spuren der Geschichte verschwinden zu lassen: Einst vermutlich von der Arnsberger Schmiedezunft erbaut, bildete der Limpsturm zusammen mit der Limpspforte viele Jahre über die Toranlage, die als westlicher Durchgang zur Stadt fungierte. Der Nutzungszweck des Turms wandelte sich über die Jahre hinweg beträchtlich: Vom Wachturm über eine Unterkunft für Ziegenböcke bis hin zum Stadtgefängnis war alles dabei. Und dank dem unermüdlichen Einsatz vieler Helfer ist die Geschichte des Gemäuers noch lange nicht zu Ende geschrieben.