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Ralf Herbrich

Stadt Arnsberg
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Elektrizitätswerk am Mühlengraben

Denkmal des Monats Mai 2009

Das Elektrizitätswerk am Mühlengraben ist heute, über seine Funktion hinaus, ein herausragendes Dokument für die Entwicklung der Wirtschaft der Stadt, insbesondere der Elektrifizierung im gewerblichen Bereich.

 

Erbaut wurde es um 1910/11 für die Cosacksche Papierfabrik von dem Mitgesellschafter und königlich preußischem Baumeister Gustav Tilmann, der von 1826 bis 1912 in Arnsberg lebte und wirkte. Es liegt direkt am Mühlengraben in einem historisch bedeutsamen Umfeld. Der Mühlengraben, der seit dem Mittelalter auch der Versorgung der Schneid- und Stadtmühlen diente, erstreckt sich über ca. 3,5 Kilometer am westlichen Rand des Stadtgebietes. In seinem Verlauf stehen noch heute im Bereich der „Mühleninsel“ weitere historisch bedeutsame Mühlen.

Der Mühlengraben hat ganz entscheidend zur wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt beigetragen. In den 1880er Jahren begannen verschiedene Unternehmen Strom zu erzeugen. Die Elektrifizierung wurde zu Beginn ausschließlich vom Gewerbe getragen und war kennzeichnend für die Region. Die vorhandene Wasserkraft war Vorraussetzung für die Nutzung. Während der maschinelle Antrieb in den Fabriken zunächst auch weiterhin durch die Wasserkraft und im Zuge der Industrialisierung eingeführte Dampfkraft erfolgte, wurden die Fabrikräume grundlegend modernisiert. Oftmals wurde ein Generator für eine elektrische Anlage installiert. Hierbei ist davon auszugehen, dass der erzeugte Strom nicht nur der Beleuchtung der Arbeitsräume diente, sondern auch zum Einzelantrieb der Maschinen genutzt wurde. Als im 2. Weltkrieg die Papierfabrik Cosack stark zerstört wurde, blieb die Stromerzeugung des Elektrizitätswerks erhalten und sicherte ab 1945 in Verbindung mit der VEW, heute RWE, die Stromversorgung der Stadt.
Das Elektrizitätswerk ist über die technischen Aspekte hinaus auch bedeutend für die architekturgeschichtliche Entwicklung im Industriebau Westfalens. Die funktionelle Zweckbestimmung des Gebäudes mit maschineller Ausstattung tritt durch seine traditionelle, heimatverbundene Bauweise zunächst in den Hintergrund. Der Gegensatz zwischen konservativer Architektur und fortschreitender Technik ist ein weitgehend typisches Merkmal für das Bauen im industriellen Bereich in Westfalen im frühen 20. Jahrhundert.
Die Gestaltung des Gebäudes gliedert sich klar in zwei Bereiche. Das Erdgeschoss ist in Eisenbeton errichtet und das Obergeschoss in Holzfachwerk. Die unterschiedlichen Materialien ermöglichen dem Betrachter die Ablesbarkeit der dahinter liegenden unterschiedlichen Funktionen. Denn der Raum im Erdgeschoss wird auch heute noch als Generatorenraum genutzt. Hingegen dient das Obergeschoss weiterhin als Wohnraum. Die Erdgeschossfassade ist in einem Neurenaissancestil gestaltet, dagegen wird die Fassade im Obergeschoss durch das sichtbare Fachwerk akzentuiert und entspricht dem Stil jener Zeit. Die symmetrische Fassadengliederung mit großflächigen Segmentbogenfenstern im Erdgeschoss und kleinteiligen Fenstern im Obergeschoss bezieht sich klar auf die Mittelachse der jeweiligen Fassadenseite. Die Fenster sind – ebenfalls der Funktion entsprechend - im Erdgeschoss mit Eisen-sprossen und im Obergeschoss mit Holzsprossen gegliedert. Ein wichtiges markantes Gestaltungsmerkmal des Gebäudes ist der an der südlichen und nördlichen Fassadenseite gestaltete, auf die Pilaster des Erdgeschosses bezogene, Dreiecksgiebel mit engen Gefachen und Bretterschürze. Die ausgeführte Fassadengestaltung des Elektrizitätswerks, als ungeschmückte Industrie-Architektur, entbehrt infolge ihrer offengelegten Zweckmäßigkeit und ihrer Klarheit nicht des ästhetischen Reizes, so dass hier immer noch von der Dreieinigkeit der klassischen Architektur aus Festigkeit, Nützlichkeit und Schönheit gesprochen werden kann.