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Ralf Herbrich

Stadt Arnsberg
Rathaus
Raum 14
Rathausplatz 1
59759 Arnsberg
02932 / 201-1340

ehem. Synagoge, Mendener Straße 35

Denkmal des Monats Oktober 2016

Die ehemalige Synagoge gilt als eine der besterhaltenen in Westfalen. Neben ihrer Vereins- und kulturellen Funktion erinnert sie heute noch an die jüdische Geschichte und ist zugleich eine Heimstatt für die offene Gesellschaft Neheims.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg bildete sich nachweislich die erste jüdische Gemeinde in Neheim, die im Jahre 1910 mit 103 Mitgliedern ihren höchsten Stand zählte. Eine treibende Kraft für das jüdische Gemeinde- sowie Schulwesen und für den Bau einer Synagoge war der Industriepionier Noah Wolff (1809-1907), der auch als Mitbegründer einer Stecknadelfabrik  (1833) richtungsweisende Impulse für die industrielle Entwicklung der Stadt gab.

Ab 1831 gab es erste Bestrebungen für die Errichtung einer Synagoge. Doch erst ab 1875 begann man mit dem Bau, der am 20.10.1876 eingeweiht wurde. Es ist ein Gebäude im Rundbogenstil entstanden, welches Anmut sowie Würde ausstrahlt und sich heute noch deutlich im Stadtbild abzeichnet.

Der ehemalige Betraum ist über die restaurierte hist. Doppelflügeltüranlage vom Eingangsflur zugänglich und war ursprünglich mit einem Holzfußboden gestaltet, der 1984 durch einen Steinfußboden ersetzt wurde. Ein breiter Gang, der mit einem Teppich belegt war, welcher vor einem erhöhten Altar bzw. vor der raumhohen Tora-Nische endete, bildete die Mittelachse. Rechts und links hiervon waren die Bänke angeordnet. Des Weiteren war der ehemalige Betraum mit einem Lesepult, Torarollen, Silbergehänge und einer silbernen Zeigehand zum Lesen ausgeschmückt. Die Ausmalungen der Fensterinnenlaibungen sind heute noch vorhanden wie auch die schmalen Zierbänder um die Fenster. Weitere Gestaltungselemente waren ein Ofen, ein später zentral positionierter elektrischer Leuchter und die Holzdecke, die heute noch mit Malereien geschmückt ist. Eine Frauenempore gab es nachweislich nicht. Der ehemalige Betraum wurde 1901 vom Neheimer Maler Sauerland mit floralen Schablonenmalereien und deutsch- sowie hebräisch sprachigen Versen neu ausgemalt. Die komplette Ausmalung inklusive des Innenputzes nach hist. Vorbild wurde 1984 restauriert.

Der Raum entspricht einer wesenhaften Architektur, denn er ist wohl proportioniert und mit einem harmonischen Materialwechsel gestaltet. Durch die natürliche Belichtung erfährt der hohe Raum eine wirkungsvolle Tiefe und eine gewisse Behaglichkeit. Das Wechselspiel von Licht und Farbe gibt ihm heute noch eine würdige Ausstrahlung und lässt diesen als etwas Besonderes wirken.

Der Sakralbau wurde zurückversetzt errichtet. Dies war sicherlich dem Grundstückszuschnitt geschuldet, aber auch den damaligen Verordnungen. Durch die städtebauliche Lage konnte zur Straße eine Platzfläche gestaltet werden, die mit einer Mauer und einem Eisengitterzaun gestaltet war. Die Zaunanlage wurde 1984 rekonstruiert.

Die städtebauliche Lage gab der eigentlichen Funktion des Sakralbaus die notwendige Ruhe und ließ die religiöse Handlung klar im Mittelpunkt stehen.

Der zweigeschossige Baukörper erhielt durch vertikale Gesimsbänder eine klare Gliederung. Die einzelnen Raumfunktionen zeichnen sich so innerhalb der Fassadengestaltung ab. Das EG wurde dem Betraum vorbehalten und das OG diente der jüdischen Schule sowie als Versammlungsstätte. Auch innerhalb der Fenstergestaltung werden die Funktionsbereiche ablesbar. Der ehemalige Betraum wird durch große stehende Rechteckfenster mit Eisensprossen, Rundbogenabschluss und unter Verwendung byzantinischer Motive geprägt. Die Fenster sind mit Putzeinfassungen gerahmt und wurden 1984 teilweise erneuert bzw. restauriert. Hingegen sind die Fenster im OG, die 1984 erneuert wurden, kleiner und einfacher, entsprechend der hist. Raumfunktionen, mit Rundbogen und Sprossengliederung gestaltet. Die Fensteröffnungen geben den Fassaden eine klare horizontale Gliederung, jedoch sind die Süd- und Westfassade einfacher gestaltet und somit die Nord- und Ostfassade, die 1998 saniert wurde, die Schaufassaden. Diese prägen den Ort und zeigen dem Betrachter die Unverwechselbarkeit des Gebäudes auf. Hierbei suggeriert der sichtbare Natursteinsockel an der Nordfassade eine gewisse Unverrückbarkeit des Gebäudes.

Der an der Platzfassade angeordnete Haupteingang mit vorgelagerter Natursteintreppe wird durch die 1984 erneuerte doppelflügelige Holztür mit halbrundem Oberlicht und dem darüber angeordnetem Okulus hervorgehoben. Eine weitere Akzentuierung erfährt der sakrale Baukörper durch einen in den Himmel ragenden Turm, der sich aus der östlichen Fassadenfläche halbrund hervorhebt und über das mit Pfannen gedeckte Satteldach als runder Turm emporragt. Der halbrunde Turm übernahm im Betraum die Funktion der raumhohen Tora-Nische, also den Aufbewahrungsort der heiligen Schriftrollen. Somit wird innerhalb der äußeren Architektursprache auch hier die besondere Funktion wiedergegeben.

Das OG wird über den Eingangsflur mit der sanierten ursprünglichen Holztreppe erschlossen. Der Eingangsflur mit seinem historischen Bodenbelag ist komplett unterkellert.

Die ehemalige Synagoge diente, bis der NS-Terror auch hier das unheilvolle Ende brachte, der Gemeinde. Das Gebäude wurde in der Reichspogromnacht von den Nazis überfallen und die Inneneinrichtung inklusive der Ausstattungsgegenstände zerstört. Alle Kultobjekte verschwanden. Dass der Baukörper nicht komplett niedergebrannt wurde, ist seiner städtebaulichen Lage zu verdanken. Denn es bestand die Befürchtung, dass durch die enge Bebauung die Stadt vollständig niederbrennen könnte.

Nachfolgend hatte das Gebäude eine wechselvolle Geschichte, mit unterschiedlichsten Nutzungen, Eigentümern und Sanierungsmaßnahmen. Es diente sowohl als Lagerraum als auch als Wohnraum und Verkaufsstätte.

In den 1950er Jahren wurde ein Teilabbruch der ehemaligen Synagoge beantragt und 1982 der komplette Abbruch. Die Stadtverwaltung stimmte dem nicht zu und beantragte die Eintragung in die Denkmalliste. Doch erst der Verkauf des Objektes, an zwei Neheimer Bürger ließ den Eintragungsprozess zu einem Erfolg werden. Am 09.12.1982 wurde die ehemalige Synagoge mit der Denkmalnummer 1 in die Denkmalliste der Stadt Arnsberg eingetragen und sollte ab jetzt seine Würde und Ausstrahlung wiedererlangen.

Der Jägerverein Neheim 1834 e.V., dessen Mitbegründer Noah Wolf war, erwarb 2001 das Gebäude. Die offizielle Übernahme erfolgte am 15.03.2002 im Rahmen einer Feierstunde. Seit dem ist es der Mittelpunkt des Vereinslebens und wird auch für besondere kulturelle Veranstaltungen genutzt. Damit dies gewahrt wird, kümmert sich der Verein um den Erhalt, zusammen mit einem 2013 gegründeten Förderverein. Hierzu tragen sicherlich auch die jüngeren Sanierungsmaßnahmen bei, die in enger Abstimmung mit den Denkmalbehörden erfolgten und von der NRW-Stiftung finanziell gefördert.