Die altersgerechte Stadt
- eine kommunale Gestaltungsaufgabe

Marita Gerwin, Martin Polenz, Thomas Vielhaber

Bereits seit Mitte der 1990er Jahre ist die Frage der Alterung der Bevölkerung und die Suche nach Handlungskonzepten, die auf die dadurch ausgelösten neuen Anforderungen eingehen, ein wesentlicher Teil der Arnsberger Stadtpolitik. Schon sehr frühzeitig stellte die Stadtverwaltung allen Arnsberger Bürgerinnen und Bürgern über 50 Jahren die Frage, wie sie denn im Alter wohnen und leben möchten. Aus dieser Umfrage entwickelten sich im Laufe der Jahre verschiedene Initiativen und Projekte.

Heute umfasst das Arnsberger Seniorennetzwerk, das aus dieser anfänglichen Beschäftigung mit dem Thema "Alter" hervorgegangen ist, eine Vielzahl von Gruppen, Projekten und Initiativen, darunter den Seniorenbeirat, die Seniorentrainer, die im Aufbau befindliche Seniorenakademie oder die Seniorenzeitung "Sicht". Betreut wird das Netzwerk von der Fachstelle "Zukunft Alter" in der Zukunftsagentur und von der "Agentur für bürgerschaftliches Engagement". Für die umfassende Beschäftigung mit Fragen des Alters und Alterns hat Arnsberg neben einer starken Medienpräsenz zahlreiche Preise und Anerkennungen auf nationaler Ebene erhalten. Auch das ist wichtig, bringt es Innovation und Standortvorteile doch ins Bewusstsein der Öffentlichkeit.

Etliche konkrete Projekte entstanden: So kann mit der gemeinschaftlichen Planung und dem zwischenzeitlich erfolgten Bau mehrerer Wohnanlagen in Vereinsträgerschaft und mit Unterstützung örtlicher Investoren interessierten älteren Menschen außerhalb der gewohnten Lebenssituation weiterhin ein selbstbestimmtes Leben im Alter und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht werden. Zwei zusätzliche Bauprojekte in kleineren Ortsteilen Arnsbergs sind aktuell in Planung. Sie sollen mit ihren ergänzenden offenen gemeinschaftlichen Angeboten künftig selbstverständlicher Bestandteil des "Dorflebens" sein und in Zeiten rückläufiger Bevölkerungsentwicklung zur Belebung des Ortes und der Ortsmitte beitragen.

Derzeit wird zudem an der Umsetzung des Konzeptes "Memoryhaus" gearbeitet, ein Haus für demenzkranke Menschen und mit Angeboten für deren Angehörige. Dazu brachte DIE ZEIT in ihrer Ausgabe vom 14.06.2007 den Bericht "Zukunft mit Greisen", in dem die Arnsberger Bemühungen um die Integration der von Demenz betroffenen Menschen dargestellt werden.

Heute leben unter den gut 76.000 Einwohnern der Stadt Arnsberg Menschen aus 123 Nationen, die 80 Sprachen sprechen. Die Öffnung gesellschaftlicher Strukturen und die Verbesserung der Bildungsmöglichkeiten und -qualität für Migranten sind Teil des Integrationskonzeptes und in den letzten Jahren wichtige Arnsberger Politikfelder. Ein anderes Beispiel ist der bürgerschaftlich getragene breite christlich-islamische Dialog. Als weitere Aufgabe kommt die Stärkung der interkulturellen Kompetenzen bei den Akteuren hinzu. Dazu wurde in der Verwaltung eine "Koordinierungsstelle für Integrationsarbeit" eingerichtet.

1. Kommunale Gestaltungsaufgaben in einer Gesellschaft des langen Lebens

Die demographische Entwicklung stellt für die Kommunen eine besondere Herausforderung dar. Die sich abzeichnenden Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur sollten auf der einen Seite ein Thema für jeden Einzelnen sein, auf der anderen Seite muss sich die Stadt in ihrer Doppelgestalt als politische Kommune sowie als Bürgerkommune intensiv mit dem Thema auseinandersetzen. Eine ausschließliche Beschäftigung mit der Thematik durch die politische Kommune würde dem Ausmaß der Herausforderung nicht gerecht. Eine angemessene Antwort auf die gestellten Fragen erfordert eine neue, strategische Ausrichtung kommunaler Politik.

In Arnsberg wird die politische Kommune zur Zukunftsagentur auf der einen und zur Unterstützungsagentur für die lokale und regionale Bürgergesellschaft auf der anderen Seite entwickelt. In der Zukunftsagentur werden die langfristigen Entwicklungsziele der Stadt in integrierter Form erarbeitet, definiert und umgesetzt. Als Unterstützungsagentur sucht die politische Kommune den Kontakt und den Schulterschluss mit der Bürgergesellschaft, um die Bürger und bürgerschaftlichen Institutionen bei der Wahrnehmung ihrer Interessen und der Verfolgung ihrer Ziele zu unterstützen.

Um auf den demographischen Wandel zu reagieren, sind wir auf die Kreativität einer ganzen Stadt angewiesen. Daher ist das Thema in Arnsberg ein ständiger Punkt auf der Tagesordnung der Bürgergesellschaft und somit ein Thema des zivilen Gestaltungs- und Lebensraumes unserer Stadt.

Handlungsmöglichkeiten vor Ort
Die Kommunen stehen zunächst vor der Herausforderung, sich der neuen Wirklichkeit zu öffnen und sie anzuerkennen als die Welt, in der wir leben. Vielerorts gibt es hier noch Widerstände, aber es ist unumgänglich, dass die Kommunen Lösungen und Strategien für die bereits eingetretenen und deutlich erkennbaren Wirkungen des demographischen Wandels entwickeln. Mittlerweile hat in vielen Städten ein Umdenken stattgefunden, das den Weg hierfür freimacht.

In der Gestaltung der demographischen Veränderungen und in der Lösung der auftretenden Konflikte sind wir auf unsere eigenen schöpferischen Fähigkeiten angewiesen. Im Mittelpunkt der Strategie stehen in Arnsberg die nachhaltige Aktivierung der Bürger, die Festlegung neuer Prioritäten der politischen Kommune sowie die notwendigen Zukunftsinvestitionen. Die Grundlage allen Handelns ist dabei die offene Kommunikation über die demographischen Veränderungen.

Individuelle und gesellschaftliche Anpassungsstrategien müssen möglichst frühzeitig ermöglicht werden, um daraus bürgerschaftliches Engagement anzuregen und zu unterstützen. Bürgerschaftliches Engagement stellt ein zum Teil noch brachliegendes Potential dar, das für die Gestaltung des demographischen Wandels erschlossen werden kann.

Ziel: Viele Köpfe denken lassen!
Leitbild: Potentiale aktivieren, nicht diskriminieren

Der Erfindungsgeist und die Kreativität der Bürger sowie ihre Bereitschaft zu bürgerschaftlichem Engagement können nicht hoch genug eingeschätzt und gewürdigt werden. Es ist Aufgabe der kommunalen Politik und der Verwaltung, vielfältige Prozesse der Bürgerbeteiligungen anzuregen und zu unterstützen. Dadurch werden Ressourcen erschlossen und enorme Leistungen freigesetzt, über die eine politische Kommune nicht verfügt. Auf diese Weise entwickeln sich nachhaltig bürgerschaftliche Kräfte für die Gestaltung der demographischen Veränderungen. Um dieses bürgerschaftliche Engagement zur Entfaltung zu bringen, organisieren wir in Arnsberg eine Stadt, die offen ist für den Erfindungsreichtum aller Bürger: Wir entwickeln Strukturen, die auf Beiträge der Menschen setzen.

Verwaltungssteuerung und Verwaltungshandeln
In Arnsberg wurden die strategischen Kompetenzen der Verwaltung verbessert, indem die Stadtentwicklung zur Zukunftsagentur weiterentwickelt wurde. Wichtige Programme und Maßnahmenvorschläge an den Rat erfolgen auf der Grundlage langfristig orientierter Konzepte und Masterpläne, deren Umsetzung evaluiert wird. Auf diese Weise werden Transparenz und Qualitätssicherung hergestellt. Die demographischen Veränderungen bleiben permanent auf der Agenda von Verwaltung und Rat. Die gesamte Verwaltung wird kontinuierlich zur Agentur der Bürgergesellschaft entwickelt. Zu ihren Aufgaben gehört es, als Dienstleister bürgerschaftliches Engagement anzuregen, zu unterstützen und zu vernetzen. Insbesondere geht es um die Bildung lösungsorientierter Netzwerke und deren Weiterentwicklung.

Als Agentur hat die Arnsberger Verwaltung in zwei Richtungen zu wirken: in Richtung engagementbereiter Menschen aller Generationen und in Richtung bestehender Institutionen, Organisationen und Unternehmen, um deren Öffnung und Kooperationsbereitschaft mit anzustoßen und zu bewirken. Dabei ist die partnerschaftliche Augenhöhe zwischen bürgerschaftlich engagierten und sogenannten "Profis" absolut unabdingbar.

Gesamtstrategie für eine soziale Stadt, in der alle Generationen im Mittelpunkt stehen
Um das bürgerschaftliche Potential zur Entfaltung zu bringen, müssen wir Städte organisieren, deren Strukturen offen sind für den Erfindungsreichtum und das bürgerschaftliche Engagement aller Generationen. Wir müssen Strukturen entwickeln, die auf Beiträge der Menschen setzen und aus heutiger Sicht unbegrenzte Potentiale freisetzen. Das gilt in besonderer Weise für die Älteren, deren Ausgrenzung wir viel zu lange über negative oder irreführende Altersbilder, über gesetzlich oder gesellschaftlich sanktionierte Altersgrenzen und über sogenannte Frühverrentungsprogramme betrieben haben (Stichworte: nicht mehr innovativ, verdienter Ruhestand, Alterslast).

Ältere haben das Recht auf Teilhabe/Partizipation
In der Vergangenheit wurde ein Humanpotential großen Ausmaßes verschwendet. Der entscheidende Punkt war die Einstellung in unseren Köpfen, durch die die Handlungsfelder für das Mehrgenerationen-Leben reduziert wurden. Gefördert werden kann dieses Mehrgenerationen-Leben durch

• die Kommunikation neuer Altersbilder;
• die Bereitstellung neuer Verantwortungsrollen;
• die Öffnung der Institutionen von Grund auf;
• Qualifizierung und Weiterbildungsprogramme;
• die Bereitstellung von Räumlichkeiten und logistische Unterstützung der Akteure.

Allgemeine Erfolgsfaktoren
Den Menschen, die sich freiwillig bürgerschaftlich engagieren, müssen Gelegenheiten zur Selbstentfaltung gegeben werden. Dazu gehört vor allem Raum für selbstständiges Handeln und Entscheiden. Beispielsweise ist eine Einbeziehung von Engagierten zum Zeitpunkt der Projektumsetzung deutlich zu spät angesetzt. Engagierte müssen bereits in der Planungs- und Vorbereitungsphase an den Überlegungen beteiligt werden. Auf diese Weise können sie direkten Einfluss auf die Ausgestaltung des Projektes ausüben und an der Festlegung von Zielen mitwirken. So kann erstens die Kompetenz der engagierten Bürger in eigener Sache und zweitens die Kreativität vieler Köpfe genutzt werden. Drittens kann die Identifikation der Engagierten mit dem Projekt erheblich gesteigert werden. Viele Projekte entstehen auch aus der Eigeninitiative einzelner Bürger heraus, die bereits ihre Idee haben und lediglich Hilfe und Unterstützung bei der Umsetzung suchen. Hier kommt offenen Netzwerken und Agenturen zur Initiierung und Unterstützung von bürgerschaftlichem Engagement eine entscheidende Bedeutung zu. Das Vorhandensein eines niedrigschwelligen Zugangs zu Engagementmöglichkeiten erleichtert den Einstieg in ein Engagement erheblich. In Arnsberg haben wir sehr gute Erfahrungen mit regelmäßigen, aber nicht verpflichtenden Projektgruppentreffen gemacht, die neben der Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch zwischen Engagierten auch als offener Treff und Einstiegsmöglichkeit für interessierte Bürger dienen.

Ein weiterer aus unserer Sicht wesentlicher Aspekt ist hohe Flexibilität hinsichtlich des zeitlichen Rahmens für bürgerschaftliches Engagement. Umfang und Intensität des Engagements sollen von den Aktiven selbst bestimmt werden können. Auch Optionen zum jederzeitigen Wiederausstieg aus einem Engagement müssen bestehen und kommuniziert werden.

Bürgerschaftliches Engagement wird in Arnsberg nach Möglichkeiten in Gruppen organisiert. Einerseits können sich die Mitglieder der einzelnen Gruppen gegenseitig unterstützen, vom Erfahrungsaustausch untereinander profitieren und Fortbildungen können für die gesamte Gruppe angeboten werden. Somit erhält das bürgerschaftliche Engagement eine soziale Komponente, die über die eigentliche bürgerschaftliche Tätigkeit hinausgeht. Der zweite wichtige Vorteil besteht darin, dass Kooperationspartner für bürgerschaftliches Engagement sich eher öffnen und auf eine Zusammenarbeit einlassen, wenn sich der einzelne Engagierte einer Organisation zuordnen lässt.

Die Öffnung von Institutionen für bürgerschaftliches Engagement ist ein Ziel, dass stetig verfolgt werden muss. Es existiert bereits eine Vielzahl von guten Beispielen, in denen die Zusammenarbeit zwischen professionellen Mitarbeitern der jeweiligen Einrichtung und bürgerschaftlich Engagierten hervorragend funktioniert. Diese positiven Beispiele haben Vorbildcharakter für andere Institutionen, die noch zögern, sich zu öffnen.

Kriterien für eine generationenfreundliche Stadt
In Arnsberg wurde ein Leitbild bürgerschaftlich erarbeitet und kommuniziert, in dem sich bereits das Bekenntnis zu Bürgernähe findet. Eine lokale Bildungsinitiative setzt einen Schwerpunkt auf intergeneratives Lernen. Verschiedene Schulen haben sich und ihren Unterricht geöffnet: Senioren lernen zusammen mit Auszubildenden, unterstützen Schüler beim Lesen-Lernen, bieten Schülern Orientierung und generell die Gelegenheit, ältere Menschen erleben zu können. Durch Maßnahmen und Projekte wie diese wird das Erfahrungswissen Älterer in verschiedenen Handlungsbereichen jüngeren Menschen zugänglich gemacht und die Entwicklung von generationenübergreifenden Solidaritäten gefördert.

Zu einer generationenfreundlichen Stadt gehören nach unserem Verständnis ausreichende Kinderbetreuungsmöglichkeiten auf der einen, bedarfsgerechte Betreuungs- und Versorgungseinrichtungen für ältere und hilfsbedürftige Menschen auf der anderen Seite. Qualifizierung von "Unterstützern" in den einzelnen Stadtteilen und Dörfern, um Hilfestellungen für Menschen in jedem Alter bieten zu können, ergänzen die Versorgungsstrukturen.

Der Ausbau von intensiven Kooperationsbezügen zwischen Wohlfahrtsverbänden, Vereinen, Kirchen, Bildungsträgern, Schulen, Familienbildungsstätten, Seniorenvertretungen, Seniorenbüros, Unternehmen, Jugendämtern, Einrichtungen der Altenhilfe, Freiwilligenagenturen, Kindertageseinrichtungen u.a. fördert die interne Vernetzung der Akteure auf lokaler Ebene.

Hauptkriterium Nachhaltigkeit
Voraussetzung für eine erfolgreiche Mehrgenerationen-Politik sind ausreichende Kenntnisse über die Bedürfnisse und die Lebenssituation der einzelnen Generationen (z.B. durch Situationsanalysen, Evaluationen, Befragungen, wissenschaftliche Begleitforschungen etc.). Auch hier bietet die Einbeziehung der betroffenen Personen eine wichtige Erkenntnismöglichkeit, da sie als Experten in eigener Sache auftreten können.

Für ein erfolgreiches und intensives Zusammenleben von Menschen jeden Alters in Arns-berg sind folgende Erfolgsfaktoren wichtig:

• generationsübergreifende Freizeit- und Kulturangebote;
• experimentelle Erprobung und Etablierung zukunftsorientierter, alternativer Wohnkonzepte, Unterstützung und fachliche Begleitung von Initiativen, Wohnbau-Vereinen, offene Zukunfts- und Planungswerkstätten;
• Förderung des bürgerschaftlichen Engagements Älterer;
• Öffnung von Einrichtungen und Institutionen für das Engagement Älterer;
• attraktive Treffpunkte und Angebote für Jung und Alt, generationenübergreifende Freizeit- und Kulturangebote;
• Entwicklung und Unterstützung der Mehrgenerationenhäuser;
• Partizipation bei der Gestaltung des eigenen Lebensumfeldes;
• Kompetenzen und Bedürfnisse aller Generationen in den Blick nehmen;
• niederschwellige Angebote sicherstellen, leichter Zugang;
• vor Ort gemeinschaftsfördernde Aktivitäten und Projekte entwickeln.

Aus der Sicht der Kommune Arnsberg lässt sich die Zukunft nur gestalten, wenn wir den Dialog zwischen Alt und Jung ermöglichen, wenn wir auch in unseren Köpfen eine Barrierefreiheit erzielen, um eine Generationen-Solidarität auf Dauer zu sichern. Denn Zukunft ist keine Schicksalsfrage! Zukunft wird von Menschen gestaltet, die den Mut haben an sie zu glauben, die kreative Ideen entwickeln und bereit sind Veränderungen als Herausforderung zu begreifen. Dazu brauchen wir Bürgerinnen und Bürger, die positiv denken und handeln.

Gerade Menschen in der zweiten Lebenshälfte verfügen über ein unschätzbares Kapital: Zeit! Und Lust, diese sinnvoll zu nutzen. Um Neues zu lernen, Erfahrungen und Wissen weiterzugeben, sich in Wirtschaft und Gesellschaft zu engagieren – zum Wohl für Jung und Alt. Hier gilt es in einer Kommune Strukturen zu entwickeln, die "Türen" der Institutionen für das Engagement auch der älteren Generation weit zu öffnen. Die Mehrgenerationen-Konzepte in Arnsberg stellen aus unserer Sicht ein gelungenes Beispiel aus der Praxis dar.

2. Stadtschrumpfung als Handlungsfeld von Stadtentwicklung und Stadtplanung

Im Rahmen der umfassenden planerischen Neujustierung der Stadtentwicklung Arnsbergs in den Jahren 1999 bis 2003 erlangten neben der bereits angesprochenen "Alterung" der Bevölkerung die Themen "Integrationsarbeit" (s.o.) und "Schrumpfung" eine immer größere Bedeutung.

Arnsberg wird nach aktuellen Prognosen in den kommenden 15 Jahren neben der Alterung der Bevölkerung und der beschriebenen Integrationsaufgabe voraussichtlich mehr als 7.000 Einwohner verlieren. Dieser weit über 2020 hinausgehende Prozess wird in Arnsberg wie anderswo – und das gilt ausdrücklich auch für viele heute noch wachsende und junge Regionen – nicht umkehrbar sein. Jüngste Prognosen des Landesamtes für Datenverarbeitung und Statistik (LDS) bestätigen das eindrucksvoll. Allein der Hochsauerlandkreis, zu dem Arnsberg gehört, wird danach bis 2025 mehr als 12% seiner Einwohner verlieren.

Verantwortlich für die Bevölkerungsentwicklung ist neben dem Wanderungsverhalten der Bevölkerung – es ziehen mehr Menschen fort als zu – die Geburtenentwicklung.

Ausschlaggebend für die negative Bilanz beim Wanderungsverhalten sind nach Arnsberger Umfragen in erster Linie persönliche Gründe wie Heirat, Scheidung oder Familiengründung. Vielfach erfolgen die daraus resultierenden Umzüge ins Umland und damit aus dem Stadtgebiet hinaus. Auch Ausbildungs-, Studien- und Arbeitplatzmöglichkeiten, v.a. in Dortmund, Köln und Münster sowie anderen Großstädten, werden als entscheidende Faktoren für Fortzüge genannt. Im Gegensatz zu den Umlandwanderungen sind diese schwieriger zu beeinflussen, zeigen aber doch wichtige Handlungsansätze für die Arnsberger Stadtentwicklungspolitik auf.

Allein das Ziel einer Stagnation der Einwohnerzahl würde für Arnsberg eine deutliche Zuwanderung erfordern. Das aber ist unrealistisch. Die Zahlen der letzten Monate und Jahre (allein im Jahr 2006 hat die Stadt 560 Einwohner verloren) zeigen, dass nach einem zwischenzeitlichen Abschwächen der rückläufigen Entwicklung alles dafür spricht, dass es tatsächlich so kommt wie vorhergesagt (s.o.).

Heute ist in Arnsberg bei allen planerischen Grundsatzentscheidungen und anderen wichtigen Entscheidungen der Stadtverwaltung und Stadtpolitik daher die Berücksichtigung der erkennbaren demographischen Entwicklungen und ihrer Auswirkungen ein wesentlicher Faktor. Die Stadt hat dabei bestenfalls die Chance, diesen Prozess zu verlangsamen. Aber sie kann versuchen, sich in möglichst vielen Lebensbereichen darauf vorzubereiten und einzustellen.

Die Doppelstrategie der Stadt Arnsberg: Einwohner halten – Anpassung an den Wandel
Die erkennbaren demographischen Veränderungen bestimmen bereits jetzt die Arnsberger Stadtentwicklung. Arnsberg geht mit einer Doppelstrategie vor, die einerseits die Bevölkerungsschrumpfung abbremsen soll – was aber nur vorübergehend gelingen kann – und andererseits erfolgreiche Anpassungsleistungen an die demographischen Veränderungen zum Ziel hat.

Gemeinsam ist beiden Teilen dieser Strategie, dass sie versuchen, von quantitativen Auffassungen wegzukommen und vielmehr das qualitative Wachstum der Stadt erhöhen und die Stadt nachhaltiger, intelligenter gestalten zu wollen. Dazu sollen in erster Linie die regionalen Funktionen der Stadt gestärkt werden, indem Arnsberg neue öffentliche und privatwirtschaftliche Leistungen in der Region und für die Region erbringt. Jeder Stadtteil hat dabei seine ganz besonderen Fähigkeiten und Voraussetzungen einzubringen. Schließlich bringt die Stadt sich offensiv in regionale Prozesse ein, etwa in das Bewerbungsverfahren zur Durchführung der REGIONALE 2013, das Integrierte ländliche Entwicklungskonzept (ILEK) und unterstützt die Bemühungen der Regionalplanung, auch für den Kreis Soest und den Hochsauerlandkreis ein Regionales Einzelhandelskonzept (REHK) zu erstellen.

Der lange Weg zum neuen Selbstverständnis und zum neuen Leitbild der Stadt
Die Verständigung auf dieses Ziel wurde erst möglich durch einen innerstädtischen Strategiewechsel. Arnsberg ist keine Idealstadt mit einem gewachsenen Stadtkern und umliegenden Wohn- und Gewerbegebieten, sondern wurde im Zuge der kommunalen Gebietsreform vor mehr als 30 Jahren aus zwei Städten und zwölf Dörfern gebildet. Gut 25 Jahre lang wurde eine kostenaufwändige Bestandssituation von mindestens drei Zentren mit mehr oder weniger gleichen Funktionen gepflegt.

Jedes dieser Zentren hatte sein Krankenhaus, seine Schulen und Kindergärten, seine Schützenhalle, seine Kirchen, Alten- und Jugendeinrichtungen, seine Sportstätten und Bäder, seinen Einkaufsbereich usw. Die Stadtteile maßen sich nicht an der Qualität der angebotenen Leistungen, sondern es entstand ein Wettstreit um Angebotsquantitäten.

An Stelle dieser ungesunden Stadtteilkonkurrenzen um das Gleiche steht heute das Leitbild einer Aufgabenteilung mit Schwerpunktsetzungen in den jeweiligen Zentren auf der Grundlage ihrer besonderen Stärken. Aus einem Nebeneinander und Gegeneinander wurde so eine strategische Allianz zur Verbesserung der Lebensqualität der Gesamtstadt und der Stadtteile, was zugleich einen neuen regionalen Auftritt ermöglicht. Grundlage dafür waren breit angelegte bürgerschaftliche Beteiligungsprozesse (Stadtteilmarketing, Stadtentwicklungsprogramm, Einzelhandelskonzept) sowie neue Partnerschaften und Bündnisse.

So wächst Arnsberg trotz seines Einwohnerrückgangs gegenwärtig als Einzelhandelszentrum, als Schulstadt, als Gesundheitszentrum sowie als Stadt mit zentralen Freizeit- und Kultureinrichtungen. Aber eben nicht überall gleichzeitig, im Gegenteil: in Teilen wird abgebaut.

Anpassung von Infrastrukturen
Die Anpassung der technischen und sozialen Infrastruktur an demographische Veränderungen erfolgt differenziert. Gerade die technische Infrastruktur wie Kanäle, Leitungen oder Straßen weist eine geringe Anpassungsflexibilität auf. Ein Abbau ist in der Regel nur von außen nach innen möglich. Das Abräumen ganzer Siedlungen oder Quartiere, wie in den neuen Bundesländern zum Teil bereits erfolgt, ist hier keine Lösung. Stadtumbau in Arnsberg kann nicht allein Rückbau und Abbau bedeuten, sondern Umbauen, um Qualitäten zu schaffen.

Arnsberg legt neben dem Umbau Wert darauf, das bestehende System, die vorhandenen Strukturen räumlich nicht noch wesentlich zu erweitern. Zwar geht es zurzeit und auch in näherer Zukunft nicht ganz ohne Entwicklung in die Fläche, diese soll aber sehr restriktiv erfolgen.

Parallel dazu steht der Aufbau einer neuen Breitband-Infrastruktur für den Wirtschafts- und Wohnstandort Arnsberg. Die Bemühungen im Rahmen der Bewerbung "T-City", wo Arnsberg in die Endrunde gelangte, werden in diesem Zusammenhang fortgesetzt.

Natürlich muss auch die soziale Infrastruktur angepasst werden. Vorrang haben dabei innovative Lösungen, die Synergien schaffen. So ist in Arnsberg an die Stelle zweier kostenaufwändiger und unattraktiver Hallenbäder ein attraktives Freizeitbad getreten für Schwimmvereine, Familien und Gäste. Aus der Schulaula eines Gymnasiums, die nur an wenigen Tagen im Jahr genutzt wurde, wurde die SchulStadtBücherei mit Selbstlernzentrum, die auch am Sonntag genutzt werden kann. Eine Kleinkunstbühne ersetzt eines der beiden großen Kulturveranstaltungszentren und bringt gleichzeitig Leben in ein leer stehendes denkmalgeschütztes Gebäude in der Altstadt.

Im Bereich der Schulen setzt die Stadt zukünftig auf intelligente Verbünde. Zwei Gymnasien mit ihren jeweiligen Stärken (Ganztagseinrichtungen und bilingualer Zweig) wurden zusammengelegt. Filialschulen im Bereich der Primarstufe zeigen weitere Möglichkeiten auf, die auch von Nutzern akzeptiert werden.

Zentrenstärkung, Nachverdichtung und Innenentwicklung
Schwerpunkte bilden und sich auf die Kernbereiche konzentrieren: Zentrenstärkung, Nachverdichtung und Innenentwicklung sind die Stichworte der Arnsberger Stadtentwicklungspolitik. Damit hebt sich Arnsberg nicht von den Leitbildern anderer Städte ab, Arnsberg hat aber langfristig angelegte Strategien und kurz- bis mittelfristig angelegte Maßnahmen (pakete) dazu erarbeitet, die im Folgenden nur kurz und unvollständig angerissen werden.

Zudem werden die Wirkungsketten dauerhaft überprüft mit der Folge, dass gegebenenfalls nachgesteuert wird. Immer wird die Frage gestellt: Sind es die richtigen Maßnahmen bzw. sind die Maßnahmen effektiv, die durchgeführt werden?

Anhand konkreter Arnsberger Zahlen wird das deutlich: Zwar konnte bei der Bevölkerungsentwicklung vorübergehend ein "Erfolg" erreicht werden. Verantwortlich dafür war u.a. die andere Bodenpolitik/Baulandbereitstellung, die aber auch neue und dauerhafte Ausgaben in die Infrastruktur erfordert. Langfristig gesehen bringt das Halten der Bevölkerung über die Ausweitung der Stadt in die Fläche aber kaum Entlastung. Letztlich ist – einmal abgesehen von den zum Teil nur sehr schwerfällig anzugleichenden Infrastrukturkosten – nicht die Frage entscheidend, ob die Stadt 78.000 oder 72.000 Einwohner hat, sondern, ob die Lebensqualität und die Angebote für die Einwohnerinnen und Einwohner stimmen. Hier wird die Bedeutung der Innenstadtstärkung und Innenentwicklung (Standorte mit hohem Wohnwert), aber auch der sogenannten weichen Standortfaktoren (Bildung, Kultur, Landschaft …) deutlich. Die Strategien und Maßnahmen im Bereich der Stadtentwicklung (Neuaufstellung des Flächennutzungsplans/Stadtumbau/Masterpläne Innenstädte/Masterplan Ruhr) stehen für diese Sichtweise.

3. Stadtentwicklungspolitik konkret

In diesem Zusammenhang haben der Rat der Stadt Arnsberg bzw. die zuständigen Fachausschüsse – in der Regel auf der Basis von Vorschlägen und Initiativen der (Fach-) Verwaltung –

  1. um jährliche Berichterstattung zu den Auswirkungen der demographischen Veränderungen gebeten und das Thema "Wohnen" zu einem zentralen Politikfeld ernannt.

    Hierzu hat die Verwaltung im Rahmen der Reihe "Berichte zur Stadtentwicklung" in den zurückliegenden Jahren unterschiedlichste Sachverhalte aufgearbeitet und dargestellt, Befragungen der Fort- und Zuzügler nach ihren Wanderungsmotiven angestellt, über das internetbasierte Bürgerpanel die Sicht der Bürgerinnen und Bürger zum Wohnstandort eingeholt, einen Wohnungsberatungsservice für und mit Senioren eingerichtet, den "Runden Tisch Wohnen" mit den wesentlichen Akteuren des Arnsberger Wohnungsmarktes eingeführt und den Einstieg in die kontinuierliche kommunale Wohnungsmarktbeobachtung gewagt. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen und Expertisen dienen gleichermaßen der Steuerung der Stadtpolitik als auch den Handlungen der Wohnungsgesellschaften, Investoren, Makler oder Architekten.

    Darüber hinaus ist die Stadt beratend bzw. über Unterstützungsleistungen tätig, z.B. bei der Bedarfsabschätzung und der Planung weiterer vereinsgetragener Wohnprojekte, bei der Grundstücksbereitstellung oder bei der vorrangigen Schaffung von Planungsrecht für diese besonderen Projekte.
  2. aktuell festgelegt, dass die Relation der Beanspruchung von Außen- zu Innenbereichsflächen für Wohnbauzwecke mittelfristig umgekehrt werden soll.

    Anspruchsvolles Ziel ist es konkret, ein Verhältnis von drei zu eins bei der Erschließung von Wohnbauland (Innenbereich zu Außenbereich) und bei der räumlichen Zuordnung dieser Flächen zu den Zentren und dörflichen Bereichen der Stadt zu erreichen. Gleichzeitig sollen die unterschiedlichen Facetten des Wohnungsmarktes entsprechend den diversifizierten Ansprüchen der Menschen bedient werden.

    Diese Zielsetzung ergab sich aus der Teilnahme am LAG 21-Modellprojekt "Flächenmanagement als partizipativer Prozess einer nachhaltigen Stadtentwicklung", wobei das entscheidende Kriterium bei allen Überlegungen auch zur Fläche aber immer die Frage der Erhaltung bzw. Verbesserung der Wohnsiedlungs- und Lebensqualität im Kontext des demographischen Wandels sein soll.

    Begleitmaßnahmen: Einrichtung eines verwaltungsinternen Arbeitskreises Bodenmanagement; Beschlüsse des Rates zum städtischen Bodenmanagement; Eingliederung der strategisch zu nutzenden Liegenschaftsverwaltung (jetzt Fachdienst Bodenmanagement) in den Fachbereich Planen/Bauen/Umwelt; Maßnahmen zur Baulandaktivierung im Bestand; Investorenwettbewerbe für stadteigene Flächen; Selbstorganisation der Dörfer über Dorfkonferenzen usw.
  3. die Neuaufstellung des Flächennutzungsplans beschlossen, der die städtebauliche Entwicklung bis 2020 beschreibt.

    Entsprechend der erkennbaren demographischen Entwicklungslinien wird im neuen Flächennutzungsplan (FNP) wesentlich weniger Raum für Außenentwicklungen geboten. Konkret weist der FNP-Entwurf Rücknahmen von Wohnbauland gegenüber dem rechtswirksamen FNP in einer Größenordnung von ca. 40 ha auf!
  4. die Masterpläne zur Innenstadtentwicklung der zwei Haupt- und zwei Nebenzentren beschlossen. Auf dieser Grundlage soll eine integrierte Planung und Entwicklung im Sinne der definierten Schwerpunktsetzungen der einzelnen Zentren ermöglicht werden.

    Begleitmaßnahmen: Formulierung von Entwicklungsoptionen für abgegrenzte räumliche Bereiche im Sinne einer Adressbildung sowie Umsetzung von Initialprojekten in den Stadtteilen durch die Stadt Arnsberg bzw. in Verbindung mir privaten Investoren, Vereinen und Bürgerschaft (Bsp. Neheim: Freizeit- und Kulturwirtschaftsviertel Neheim–Nord, Citybereich, Gesundheitsschiene Neheim–Südstadt; Freizeit- und Sportbereich bzw. Heilquellenkurort Hüsten; Kultur und Tourismusschwerpunkt Historische Altstadt mit konkreten Projekten …).
  5. über das Einzelhandelskonzept, das in Kürze überarbeitet wird, und über den Entwurf des neuen FNP eine in ihrer Fläche deutlich reduzierte Neuabgrenzung der Zentren vorgeschlagen. Auch hier gilt: weg von Quantitäten – hin zur Qualität.

    Begleitmaßnahmen: Aufwertung des öffentlichen Raumes/Umgestaltung der Fußgängerzone und angrenzender Straßen- und Platzräume über bürger- und mitwirkungsorientierte Werkstattverfahren; nach Erlass des "ISG-Gesetz NRW" wird die Gründung von Immobilien- und Standortgemeinschaften in drei der vier Zentren zurzeit diskutiert
  6. ein Nahversorgungskonzept für Arnsberg beschlossen, das die Grundversorgung der Bürgerinnen und Bürger trotz rückläufiger Bevölkerungsentwicklung und geänderter Verhaltensmuster der Kunden (Umsatzverlagerungen zu Discountern und anderen Standorten) im Nahbereich ihrer Wohnstandorte möglichst umfassend sichern soll.

    Begleitmaßnahmen: stringente Anwendung des Planungsrechts; räumliche Steuerung der Angebote durch Maßnahmen des Bodenmanagements
  7. auf der Grundlage eines Städtebaulichen Entwicklungskonzeptes im Rahmen des Bund-Länder-Förderprogramms "Stadtumbau-West" im Frühjahr 2007 vier Stadtumbaugebiete definiert, die stadtplanerisch in den nächsten Jahren eine herausragende Rolle spielen werden.

    Zur Unterstützung der wissensbasierten Wirtschaft haben Stadt und städtische Wirtschaftsförderung im Stadtumbaugebiet Neheim-Nord in einer leer stehenden Industrieimmobilie ein Impulszentrum – das Kaiserhaus (früher Kaiser-Leuchten) – geschaffen, das professionelle Infrastruktur und Dienstleistung sowie ein Informationskontaktnetzwerk bietet und dadurch die Standortqualität für innovative Gründungen, Kooperationen und Unternehmensentwicklungen verbessert.

    Hier befindet sich auch das Design-Forum – ein Zusammenschluss heimischer Designer –, das KUNSTWERK (Ateliers etc.) und künftig auch das Museum für Licht und Beleuchtung. Mit seinen umfassenden Sammlungen – u.a. der Osram-Sammlung – soll es aus der Geschichte heraus (Neheim als "Stadt der Leuchten") als "Schaufenster der Region" in die Zukunft überleiten und ansässigen Firmen, darunter auch einige "Global Player" einen adäquaten Rahmen für Produktpräsentationen bieten.

    Im Hinblick auf den absehbaren Fachkräftemangel (Abwanderungstendenzen von Führungskräften und qualifizierten Mitarbeitern) ist das Kaiserhaus, das gleichzeitig als modernes Veranstaltungszentrum ausgerichtet ist und als Initialzündung für ein neu entstehendes Kulturwirtschaftsviertel gelten kann, nicht hoch genug einzuschätzen. Es strahlt bereits jetzt deutlich in die Region aus und ist ein wichtiger Beitrag zur Urbanität in dieser Stadt.
  8. im Stadtumbaugebiet Arnsberg-Bahnhofsumfeld die Aufwertung und bessere Anbindung eines innenstadtnahen, aber desolaten Industrie- und Gewerbegebietes angeschoben.

    Begleitmaßnahmen: Erwerb des Bahnhofsgebäudes durch die Stadt und Einrichtung eines Bürgerzentrums mit Angeboten insbesondere für Senioren (u.a. Bundesstelle Erfahrungswissen für Initiativen [EFI], Senioren Online etc.); Erwerb ehemaliger Bahnflächen; Förderung des bürgerschaftlich getragenen Feuerwehr- und Technikmuseums; Verbesserung der Verknüpfung von Schiene, Bus und Auto (u.a. Park & Ride); Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes; Herausnahme des Schwerlastverkehrs aus den Innenstadtbereichen etc.
  9. die Arnsberger Initiative StadtBauKultur ins Leben gerufen.

    Begleitmaßnahmen: Einrichtung des bürgerschaftlich, aber gleichzeitig fachlich besetzten Beirates für Stadtgestaltung, der zu städtebaulich wichtigen Fragen Stellung beziehen kann; Durchführung von qualitätssichernden Verfahren bei wichtigen Entwicklungsprojekten (Wettbewerbe etc.), aber auch bei bürgerschaftlich getragenen Vorschlägen und Projekten; Umsetzung von Initiativprojekten in den Innenstadtlagen (Bsp. Revitalisierung des ehemaligen Klosters Wedinghausen; klassizistische Gärten und Gartenhäuschen; Kunstprojekt Klostertor; Masterplan Licht …).
  10. den "Masterplan Ruhr" als Leitlinie zum Umgang mit dem Landschaftsraum Ruhrtal aufgelegt.

    Er soll dazu dienen, die Stadt attraktiver zu gestalten, indem die Ruhr – als FFH-Gebiet gemeldet und in Arnsberg durchgehend unter Naturschutz stehend – in Teilbereichen für die Menschen besser zugänglich und erlebbar gemacht werden soll. Auch damit soll ein Beitrag zur Steigerung der Attraktivität des Wohn- und Lebensstandortes gebracht werden.

    Begleitmaßnahmen: Umsetzung von Einzelprojekten im Gesamtkontext, d.h. unter Beachtung der verschiedenen Ansprüche aus den Bereichen Naturschutz, Ökologie, Hochwasserschutz und Erholung/Freizeit; Ruhrrenaturierungen.
  11. aktuell ein Programm zur Radverkehrsförderung beschlossen.

    Möglich wurde dies durch die plötzlich gestiegene Akzeptanz des Radfahrens aufgrund des Erfolges des RuhrtalRadweges (Radweg des Jahres 2007 NRW) und dessen touristischer, gastronomischer und insgesamt wirtschaftlicher Effekte.

    Begleitmaßnahmen: Ausweitung des Konzeptes auf den Alltagsradverkehr (über den Freizeitverkehr hinaus), insbesondere im Umfeld der Schulen, Bahnhöfe, Innenstadtbereiche; geplant ist die Ausweitung auf die Gesamtthematik Nahmobilität; Barrierefreiheit als weiteres grundlegendes Thema. Das gilt für den Verkehr und das Verkehrsgeschehen insgesamt. Neue Bewegungsmuster und ein anderes Mobilitätsverhalten erfordern insgesamt neue, intelligente Lösungen, sowohl im technischen Bereich als auch im öffentlichen Raum.
  12. die Studie zum Cluster Wald und Holz (in Kooperation mit dem Wald-Zentrum der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster) unterstützt, die die wirtschaftliche Bedeutung des Themas für die Stadt (knapp zwei Drittel der Stadtfläche sind Wald!) und die Region erstmals anhand belastbarer Zahlen darstellt.

    Begleitmaßnahmen: Initiative zur Einrichtung und Geschäftsführung des Netzwerks Wald und Holz einschließlich Internetpräsenz; Konzeptionierung eines Neubaugebietes mit der Schwerpunktsetzung "Baustoff Holz" in Zusammenarbeit mit dem Beirat für Stadtgestaltung; Grundsatzbeschluss des Stadtrates, wonach bei kommunalen Bauten vorrangig Holz als Werkstoff eingesetzt werden soll; Ausschreibung eines Investorenwettbewerbes für ein innerstädtisches Wohngebiet sowie eine Fuß- und Radwegebrücke aus Holz; Bau zweier temporärer Schulerweiterungsbauten aus Holz; Wald und Holz als Schwerpunktthema der REGIONALE-Bewerbung der südwestfälischen Kreise etc.

Und was sonst noch?
Wichtig ist aus Arnsberger Sicht das "Sich-Wohlfühlen". Dazu muss das Umfeld stimmen. Der ansprechend gestaltete und von Kindern, Älteren, Sporttreibenden nutzbare öffentliche Raum (nicht nur das Wohnumfeld), die intakte, anregende und beruhigende Naturlandschaft, das Angebot an Kultur- und Freizeitmöglichkeiten (nicht nur kommerzieller Art), aber auch das Image und die Sicht auf die eigene Stadt, alles das ist entscheidend, um Menschen an die Stadt zu binden. Dabei spielt auch das Bildungsangebot für die Kinder eine Rolle als Standortfaktor. Menschen nehmen heute (und trotz steigender Energiepreise und höherer Belastungen wohl auch zukünftig) enorme Aufwendungen als Pendler auf sich, um an einem bestimmten Ort wohnen zu können.

Der Blick in die Historie der Stadt, die Berücksichtigung der "Wurzeln" ist ein weiterer Punkt, der Engagement fördert und zur Bindung beiträgt: Die vielen Arnsberger Projekte – z.B. des Heimatbundes – sind mehr als nur "schöne Dinge". Die mittelalterliche Stadt, das Klassizismusviertel, die Gärten am Rande des Klassizismus, der neu angelegte Weinberg unterhalb des Schlossberges und die Vielzahl der dort eingebrachten bürgerschaftlichen Projekte bringen Stolz und im besten Fall Verantwortungsbewusstsein für das Gemeinwesen Stadt mit sich. Hier ist es Aufgabe der Stadt und der Stadtentwicklung, dies zu begleiten und zu unterstützen.

4. Ausblick

Bei allen Bemühungen um die Bewältigung der großen Herausforderungen, die aus den demographischen Veränderungen resultieren, muss eines im Vordergrund stehen: es gilt, die Stadt/die Region interessant und attraktiv zu gestalten für Unternehmen und für Familien, für Einzelpersonen, für junge und für alte Menschen. Wenn die Bewohner sich wohl fühlen und sich mit "ihrer" Stadt, "ihrem" Viertel verbunden fühlen, ist die Entwicklung auf dem richtigen Weg.

Gleichzeitig geht es bei der Gestaltung der demographischen Veränderungen, wie die Beispiele zeigen, um weit mehr als um den Abbau von Infrastrukturen oder den Umbau von Kindergärten zu Altentagesstätten. Dabei darf es eben nicht einziges Ziel sein, um jeden Preis zu sparen. Es müssen vielmehr "demographiefeste" Infrastrukturen geschaffen werden, für die frühzeitig Investitionen getätigt werden müssen. Allerdings sind die Ideen und Entwicklungen oftmals weiter als die noch aus anderen Zeiten stammenden Vorgaben. Deswegen setzt Arnsberg in verschiedenen Bereichen und mit verschiedenen Partnern auch auf Innovation und Experimentelles. Das Memoryhaus oder die (temporäre) Umnutzung des alten Hallenbades im Rahmen des Stadtumbaus stehen beispielhaft dafür.

In vielen Fällen wird es nicht konfliktfrei zugehen, denn Um- und Abbau bedeutet immer auch Abschied von Gewohntem, bedeutet Ressourcen neu aufzuteilen, sich an neue Standards gewöhnen zu müssen. Dabei haben die Erfahrungen in Arnsberg gezeigt, dass vielfach Allianzen gebildet werden können, dass win-win-Situationen entstehen, die Chancen mit sich bringen und neue Werte schaffen. Mit Hilfe der Bürgerinnen und Bürger, die bereit sind, ihre Interessen und Fähigkeiten einzubringen und sich aktiv an Fragen der Stadtentwicklung und Stadtgestaltung zu beteiligen, sind viele Dinge umsetzbar, die zunächst nicht realistisch erscheinen. Wichtig ist, die Bürgerinnen und Bürger als Experten für ihre Stadt mitzunehmen auf diesem Weg.

Es ist keine neue Erkenntnis, dass die besten Ideen nicht in Zeiten des Überflusses geboren werden!

Anmerkungen

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit ist in diesem Text bei personenbezogenen Aussagen nur die männliche Sprachform gewählt worden. Die weibliche Sprachform ist jeweils eingeschlossen.

Quellangabe und Buchbestellung: www.raumplanung.uni-dortmund.de